Ein Theologe sucht nach seinen Wurzeln

Der ehemalige Leiter Aussenbeziehungen der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, Serge Fornerod, hat ein Buch über sein Leben und seine Vorfahren geschrieben. Es ist zugleich ein Plädoyer für eine weltoffene Kirche.

Serge Fornerod hat die Schweizer Reformierten im Zentralausschuss des Weltkirchenrates vertreten. Für die reformierte Kirche war der Westschweizer Theologe Serge Fornerod so etwas wie ein Fenster zur Welt: Als Mitarbeiter von Heks koordinierte er Hilfsprojekte in den osteuropäischen Ländern, später verantwortete er rund zwanzig Jahre lang die Aussenbeziehungen der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Ein Leben voller Geschichten, Begegnungen und Anekdoten.

Seinen Weg als Kirchenmann hat Fornerod nun – wenige Monate nach seiner Pensionierung – in einem Buch festgehalten. «Les Fornerod» ist mehr als eine typische Autobiographie, es ist zugleich eine reformierte Familiengeschichte, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Rein zufällig entdeckte der Autor, dass die Familie Fornerod bereits vor ihm zahlreiche Theologen aufwies. Ihre teilweise abenteuerlichen Geschichten verarbeitete er zu historischen Porträts, die seine eigene Biographie auf unterhaltsame Weise ergänzen.

Im Lada durch die DDR

Recht abenteuerlich waren auch die Jugendjahre des Autors selbst. Nach dem Studium erhielt der junge Theologe die Gelegenheit, ein Vikariat in einer niederländischen Kirchgemeinde in Berlin zu absolvieren. Die im Jahr 1982 noch geteilte Grossstadt erlebte der Westschweizer als «kulturellen Schock», doch die Arbeit öffnete ihm neue Horizonte. Als Pfarrer der Kirchgemeinde war Fornerod sowohl in West- wie auch in Ost-Berlin tätig. Er machte Hausbesuche, hielt Gottesdienste und bereiste im gemeindeeigenen Lada die damalige DDR. Modellhaft erlebte Fornerod, was es heisst, wenn Kirche sich in einem ihr feindlichen und atheistischen Umfeld behaupten muss. «Meine erste Feststellung war, dass die Kirche in einer Welt ohne Gott ziemlich gut überleben konnte. Die protestantische Kirche war lebendig, anerkannt und organisiert, mit und trotz der administrativen Schikanen und politischen Einschränkungen, die ihr die kommunistische Regierung auferlegte», schreibt er.

Demonstrant in Berlin

Es war eine aufregende Zeit für den jungen Theologen. In den frühen 80er Jahren erstarkte in der DDR unter dem Motto «Schwerter zu Pflugscharen» die Friedensbewegung, und im Westen gingen Hundertausende auf die Strasse, um gegen Atomwaffen und für die Abrüstung zu demonstrieren. Auch der Autor war einmal im Monat mit Spruchbändern bestückt in seinem Westberliner Quartier anzutreffen. Fornerod lässt den Leser an seinem damaligen Alltag teilhaben. So schildert er amüsant, wie bei der Ankunft in Berlin für ihn und seine Frau noch keine Wohnung bereitstand. Schliesslich mussten sie eine Wohnung beziehen, in der wochenlang der verweste Körper einer verstorbenen Frau gelegen hatte. So verbrachte das junge Paar Weihnachten wegen des Geruchs mit weit geöffneten Fenstern.

Vorfahren in der Fremde

In dieser Zeit stiess Fornerod erstmals auf den Namen eines Vorfahren. In einem historischen Dokument entdeckte er, dass ein gewisser David Fornerod 1672 der erste Pfarrer der Hugenottengemeinde in Berlin gewesen war. Zugleich hatte er die Kinder des Kurfürsten von Brandenburg unterrichtet. David Fornerod soll allerdings weder ein guter Prediger noch ein besonders umgänglicher Charakter gewesen sein. So ist überliefert, dass er mit dem Bibliothekar des Kurfürsten in einen Rechtsstreit verwickelt war, weil er die ausgeliehenen Bücher in schlechtem Zustand zurückgebracht hatte.

Weit in die Fremde verschlug es einen weiteren Vorfahren, den Theologen Nicolas Fornerod. Er verdingte sich Ende des 18. Jahrhunderts mehr schlecht als recht als Hauslehrer und Hilfsprediger in der reformierten Gemeinde von Moskau. Unter Katharina der Grossen mussten Französischsprachige das Land schliesslich verlassen, und auch Fornerod kehrte in die Schweiz zurück. Seinem Groll gegen die russische Gesellschaft machte er später in einem Pamphlet Luft.

Andere Ansichten kennenlernen

Der Wunsch, die Enge der Heimat zu verlassen und die Welt zu entdecken, das verbindet Serge Fornerod mit seinen Vorfahren. Nach seiner Rückkehr aus der DDR arbeitete er für das Hilfswerk HEKS, für das er unter anderem ein Projekt für Drogenabhängige in Ungarn leitete, bevor er 2002 zum damaligen Kirchenbund stiess. Die Reisen und Kontakte zu ausländischen Kirchen prägten sein Kirchenbild. Die Kirche dürfe nicht selbstgenügsam sein, resümiert er zum Schluss mit Blick auf die Reformierten: «Es ist nützlich und notwendig, das Leben und die Ansichten anderer Kirchen in anderen Kontexten kennen zu lernen, um zu Hause besser Kirche sein zu können». So ist das Buch vieles in einem – Lebensgeschichte, historische Recherche und Plädoyer für eine weltoffene Kirche.

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