Dieses Buch verknüpft Studien der Ökonomie, Religion und Ökologie miteinander und sucht theologisch nach einer Ressource, um wirksam auf die Zerstörung des Planeten zu antworten. Rieger bevorzugt den Begriff «Kapitalozän» dem herkömmlichen «Anthropozän», um die jetzige Epoche der Menschheitsgeschichte zu beschreiben, denn er deckt den Kern des Problems unserer globalisierten Weltordnung auf, die ungeteilte Herrschaft eines enthemmten Kapitalismus, dessen einzige Sorge die Profitmaximierung zum ausschließlichen Genuss einiger weniger ist.
Das Spannendste im Buch ist der theologische Ansatz. Rieger fordert die Theologie heraus, einen «neuen Materialismus» ernst zu nehmen, der die wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen einbezieht, nicht nur um die Politik und die Demokratie zu gestalten, aber auch um Theologie zu praktizieren. Er erinnert daran, dass die biblischen Visionen des Heils von «Milch und Honig» und von einer «neuen Stadt» sprechen – und nicht von einer Rückkehr in dem Eden oder einem spiritualisierten privaten Wohlgefühl. Es ist ein Plädoyer für die «Immanenz des Glaubens», die ein Bonhoeffer wagte, und die einen gewerkschaftlich engagierten Barth zur Redaktion seines «Römerbriefs» begleitete. Er sieht den Glauben als eine alternative Immanenz und zitiert Lévinas: „Transzendenz ist das, was den Status quo stoppt“. Er fordert dazu auf, sich mit dem zu solidarisieren, was er als „Prekariat“ bezeichnet, also der wachsenden Weltbevölkerung ohne wirklichen Schutz oder stabilen Status, im Süden wie im Norden.
Rieger geht auf die grundlegende Bedeutung der Arbeit für den Menschen ein. Er bezieht sich dabei auf Tillich („ultimate concern“) und Schleiermacher („absolute Abhängigkeit“). Die Arbeit gehört zu den letzten Dingen für das Leben des Menschen. Sie befindet sich an der Schnittstelle von Rasse, Klasse, Geschlecht und Natur und hat eine theologische Dimension. Somit ist Theologie nicht mehr das Privileg der Eliten. Die westliche Theologie ist überwiegend die einer privilegierten Klasse. Doch heute ist das Christentum der Armen zur Mehrheit geworden.
Theologie im Kapitalozän zu betreiben bedeutet, zu erkennen, dass hinter den vermeintlichen theologischen Unterschieden Machtkräfte stehen. «Tiefe Solidarität» ist gefragt, um die Gräben in unserer Welt zu überwinden. Doch sind die Mechanismen, um sie umzugehen sind offensichtlich und öffentlich: sie bestehen meistens auf das Praktizieren von „divide et impera“. Moralisierender Aktivismus ist keine Lösung, denn die Solidarität ist nicht in erster Linie eine Frage der Ideologie, sondern der materiellen Grundlagen. Sie bedeutet, Privilegien herauszufordern und Unterschiede zu nutzen, um das Gemeinwohl zu steigern. Somit ist das ultimative Ziel des christlichen Glaubens die Systemtransformation. Tiefe Solidarität erfordert Wiedergutmachung.
Die Schärfe von Riegers Analysen und Positionen fordert den europäischen Leser heraus, der an das vorherrschende Modell einer „sozialen Marktwirtschaft“ und der „liberalen Inklusion“ gewöhnt ist. Er zieht angesichts einer Situation, die von absoluter Dringlichkeit ist, radikale Schlussfolgerungen. Das Buch ermutigt westliche „Mainstream“-Kirchen und -Theologen, die blinden Flecken der modernen Theologie zu überdenken, insbesondere die Machtbeziehungen. Dieser ganzheitliche Ansatz des Spielfelds der Theologie rückt die Intersektionalität der Lebensbereiche in den Mittelpunkt. Man schätzt auch die Erinnerung daran, dass das Christentum die am stärksten anthropozentrische Religion ist, was nicht ohne Folgen für seine Beziehung zur nichtmenschlichen Welt geblieben ist.